Samstag, 8. Februar 2014

Weg zum Miteinander, hin zum Frieden

weltweit


Bewegende Einblicke in die interreligiöse Friedensarbeit mit jungen Erwachsenen in Konfliktgebieten auf den Philippinen

«Wir kommen von verschiedenen Orten, sind in unterschiedlichen religiösen Traditionen aufgewachsen, die soziale Herkunft unterscheidet uns, Kleidung und Sprache – aber etwas verbindet uns: Die tiefe Sehnsucht nach Frieden auf den Philippinen und in der Welt. Darum sind wir hier.» Mit diesen Worten leitete Angge Herrera im Dezember 2006 das erste Youth Camp for Peace ein. Im Kreis sassen über 40 Philipinos im Alter von 14 bis 28 Jahren und musterten sich scheu. Für viele ChristInnen war es das erste Mal, dass sie mit Moslems oder Lumad (indigene Bevölkerung in Mindanao) in einen persönlichen Kontakt kamen – und umgekehrt. Alle hatten negative Vorstellungen voneinander, in der Schule und durch Medien vermittelt, die ein Ausdruck jener «tiefgehenden Spaltungen zwischen Religionen, ethnischen Gruppen und sozialen Klassen» sind, wie es im Konzept des Youth Camps heisst. Spaltungen, «die zu verschiedenen Formen von sozialer, psychologischer und struktureller Gewalt innerhalb der Gesellschaft und zum Krieg im Süden des Landes geführt haben und die Entwicklung des ganzen Landes blockieren».
Frieden: von der Vision zur «Tat» 
Persönliche Erfahrungen haben die Sozialarbeiterin Angge Herrera dazu bewogen, sich in der Friedensarbeit zu engagieren. 2002 traf sie Roberto Layson, einen Priester, der in seiner Gemeinde in Pikit/Mindanao mit einem interreligiösen Team in der Friedensarbeit aktiv war. Beiden wurde klar: «Wir müssen heute damit beginnen, junge Menschen von Mindanao und Manila auszubilden, weil die Heilung von Beziehungen und die Friedensbildung Zeit brauchen. Und es erfordert ein gemeinsames Engagement von Nord und Süd, um Frieden zu schaffen.» Gemeinsam mit Partnerorganisationen entwickelten sie ein Konzept für die Ausbildung junger FriedensarbeiterInnen. Zur konkreten Umsetzung wurde von Lumad, Muslimen und Christen die Organisation Binhi ng kapayapaan (Samen des Friedens) gegründet. Angge Herrera profitierte dabei von den internationalen Peace Camps mit dem Katharina-Werk, an denen sie mehrfach teilgenommen hatte. Sie gründen auf der Vision «Eine Welt für alle» von Pia Gyger und finden seit 1992 jährlich im Bildungshaus Fernblick in Teufen
statt.
Im Peace Camp im Jahr 2000 hatte ich eine Gruppe Filipinos kennengelernt, die ich ein Jahr später in ihrem Land besuchte. In diesen fünf Monaten lernte ich die Realität der Reisbauern wie auch den Alltag in der Metropole Manila kennen. Besonders betroffen machte mich die Reise nach Mindanao, einer Stadt, die während Jahrzehnten immer wieder zwischen die Fronten der Moro Islamic Liberation Front (MILF) und der Regierungstruppen geriet. Die Erzählungen der Menschen über ihre Kriegserlebnisse und ihren Willen, trotz allen Verlusten wieder ein neues Leben aufzubauen, berührten mich sehr. Auch in den Jahren danach blieb ich mit den Filipinas in Kontakt und setzte mich intensiver mit Friedensarbeit auseinander. 2006 kam ich für einen Freiwilligeneinsatz auf die Philippinen und arbeite seitdem für das Youth-Camp-Projekt.

Erstes Youth Camp for Peace 2006: Vorurteile abbauen
In fünf Jahren sollte nun eine Kerngruppe junger Führungskräfte aus Luzon und Mindanao zusammenwachsen, so sah es dasYouth Camp for Peace-Konzept vor. Aus einem neuen Geist der Zusammenarbeit, des Dialogs und des Respekts ist sie fähig, eine Friedensvision zu entwickeln und konkret umzusetzen. Sie soll auch zum Frieden zwischen christlichen, islamischen und indigenen Traditionen beitragen. Internationale Gäste erweitern den Blick auf globale Themen und machen mit anderen Fragen und Perspektiven vertraut. So entsteht ein nationales Netzwerk einer nächsten Generation von FriedensarbeiterInnen. Während der Vorbereitungsseminare im christlichen Luzon wurde deutlich, wie sehr die jungen Menschen von Stereotypen beeinflusst waren. Sie wiederholten gängige Vorurteile gegen Moslems, die sich nach 9/11 festgesetzt hatten. Mir wurde es mulmig: Bald würden sie in einem Raum mit «diesen» Moslems sitzen. Doch ich hatte nicht mit der Lernbereitschaft der jungen Leute gerechnet. Schon im ersten Youth Camp zeigten sie sich bereit, sich mit ihren gegenseitigen Vorurteilen auseinanderzusetzen und sie zu revidieren. Es gelang ihnen, eine Brücke über die tiefen Gräben zu bauen. Und die Begegnungen zeugten von einem wachsenden Respekt voreinander. So kam es am Ende des Youth Camps zu Aussagen wie: «Ich habe schlecht über den Islam gedacht, weil für mich Muslime Terroristen waren. Jetzt habe ich eure Geschichte gehört und verstanden, dass auch ihr unter dem Krieg leidet wie wir.»

Zweites Camp 2008: Verstehen
Im August 2008 brach erneut ein gewalttätiger Konflikt in Mindanao aus, der Tausende zur Flucht zwang. Als wir uns im November trafen, trugen viele Jugendliche auch von uns traumatische Erlebnisse mit sich, weil sie selber flüchten mussten oder weil sie in Flüchtlingscamps Hilfe leisteten. Ihre Geschichten brachten uns allen den Krieg emotional sehr nahe und den TeilnehmerInnen aus Luzon die Chance, diesen Konflikt mehr zu verstehen und ihre FreundInnen aus Mindanao zu unterstützen. Ein Geschichtsprofessor und ein ehemaliger General, der viele Jahre die Friedensgespräche zwischen Rebellen und Regierung geleitet hatte, halfen den Jugendlichen, die Hintergründe des Krieges und Wege daraus zu verstehen. Ein islamischer Gelehrter gab eine Einführung in den oft missverstandenen Islam. «Ich konnte meinen Schmerz loslassen, meine Gefühle mitteilen, und ich spürte, dass die Gruppe mit mir fühlte», so erzählte Norhaida aus Mindanao.

Workshop und drittes Camp 2009: Versöhnung
Im Mai 2009 hatten wir in Mindanao und Luzon Trainings zur gewaltfreien Kommunikation (GfK) durchgeführt. Die Gruppe aus Mindanao traf sich in Cotabato City, wo zwar keine direkten Kampfhandlungen stattfanden, aber durch die sicht- und hörbaren Explosionen eine grosse Spannung da war. In diesem gewaltbereiten und gewaltsamen Umfeld übten wir GfK ein. Dabei erlebte ich eine unglaubliche Kraft bei den Jugendlichen und wünschte, sie würde von den EntscheidungsträgerInnen in diesem Land wahrgenommen. Im Rollenspiel verhandelten Moslems mit ChristInnen, wie der Landkonflikt, um den es damals ging, gelöst werden könnte. Sie waren bereit, ihre Verletzungen hinter sich zu lassen. Sie sahen ein, dass der anderen Seite Zugeständnisse gemacht werden müssen, um eine Zukunft in Frieden schaffen zu können. Wann immer ich am Leben auf den Philippinen und am Sinn meiner Arbeit zweifelte, kamen mir diese Jugendlichen in den Sinn. Sie auf ihrem Weg zu ermutigen und zu unterstützen, war und ist auch mir Ermutigung.
Die unter anderem durch den Krieg verursachten Spaltungen haben auch dazu geführt, «die Anderen» zu beschuldigen. In diesem Youth Camp forderten wir die TeilnehmerInnen auf, sich ihres Konfliktanteils bewusst zu werden und der anderen Seite mit Mitgefühl zu begegnen. Mit Unterstützung der Gruppe lernten sie in einer reifen und konstruktiven Weise mit den Konflikten untereinander umzugehen.
Aduna Saway von den Talaandig erzählte von Demütigungen christlicher Missionare und wie die jahrhundertealte Abwertung ihrer Kultur dazu geführt habe, dass die Lumad ihre Identität lieber verstecken. Es wurde schmerzhaft spürbar, dass die Missionierung und die Zerstörung der indigenen Kultur kein abgeschlossenes Kapitel der Kirchengeschichte ist, sondern bis heute nachwirkt.
In einem intensiven Ritual, in dem die drei Religionsgruppen einander um Vergebung baten, öffneten sich alle TeilnehmerInnen für die Möglichkeit von Verwandlung und Versöhnung. Fhar von Mindanao: «Ich habe gemerkt, wie ich im Alltag oft mit meinen Problemen so beschäftigt bin, dass ich keinen Platz habe für die Sorgen und Nöte anderer. Jetzt ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, den Blick über meine Realität und die meiner Familie und Gemeinschaft hinaus zu weiten.» Kong aus Pikit: «Es war so wichtig, den anderen zuzuhören. Auch wenn wir verschieden sind, können wir trotzdem eins sein.»

Viertes Camp 2010: Verantwortung
Die Young Facilitators übernahmen ihrerseits nun Leitungsfunktionen. In diesem Camp setzten sich die TeilnehmerInnen mit der indigenen Tradition, die alle Filipinas und Filipinos verbindet, auseinander. Ich hatte bei meinem ersten Besuch bei den Talaandig das Gefühl gehabt, dass ich hier die Quelle für die «Heilung des Landes» entdeckt hatte: die wahre Filipino-Kultur mit ihrer Gastfreundschaft, ihrer Verbundenheit zur Natur und ihrer Eingebundenheit ins Leben. Das Bewusstmachen dieser Ressourcen und die Entdeckung des Erbes in den verschiedenen Kulturen halfen allen, den Boden zu bereiten, auf dem sie nun kraftvoll ihren weiteren Weg gehen können. Es ging uns von Beginn an darum, einen Frieden zu «säen», der sich im Alltag bemerkbar macht. Er zeigt erste Früchte: Neben einer wachsenden Solidarität untereinander übernehmen immer mehr Jugendliche eine aktive Rolle in der Friedensarbeit. So blicken wir zuversichtlich auf das Youth Camp for Peace 2011, das diesen ersten Ausbildungszyklus abschliessen wird. Die Verschiedenheit der Jugendlichen bleibt eine Herausforderung. Der Weg zum Frieden ist nicht nur eben und gerade; Rückschläge gehören dazu. Dennoch: Sie lassen sich nicht von ihrem Weg abbringen, weil sie so eine Zukunft für sich sehen können.

1 Kommentar:

  1. Go near to listen rather than to offer the sacrifice of fools,who do not know that they do wrong~!

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